Bye bye, Jimmy!

IN MEMORIAM

Das Bild zeigt die Jazzband Pilspicker auf der Bühne des Dortmunder Jazzclubs domicil.
Zum 50. Geburtstags des domicil e.V. spielten die Pilspickers mit Jimmy Horschler (im Bild rechts) groß auf. Auf der Leinwand im Hintergrund ein Foto von Jimmy Horschler aus früheren Zeiten. Foto:Kurt Rade

„Rund 200 Menschen stehen dicht gedrängt zwischen schwarz gestrichenen Wänden. Eine notdürftig gebaute Theke versorgt die Gäste mit Getränken. Jimmy Horschlers Doublecheck Stompers spielen Louis Amstrong-Songs, und soeben sorgt „Muskrat Ramble“ für Glücksgefühle unter den Gästen. An diesem Freitag wird für viele ein Traum wahr: Es gibt wieder einen Jazzclub in Dortmund.“

So fasste die Jubiläumszeitung „domicil 40!“ diesen legendären Abend des 14. März 1969 zusammen. Als das domicil im städtischen Keller der Kindertagesstätte in der Leopoldstraße 60 eröffnet wurde, waren Jimmy und seine Band die ersten, die in dem noch nicht ganz fertiggestellten Jazzclub auf der Bühne standen. Wenige Monate zuvor hatte er gemeinsam mit Albert Schimanski, Rainer „Glen“ Buschmann, Wolf Escher, Kurt Nopens, Günter Link, Wolfgang Körner, Horst Stölzig und Günter Boas das domicil als gemeinnützigen Verein gegründet.

Diese Gründung des Vereins und die Eröffnung der lang ersehnten festen Spielstätte im Dortmunder Norden waren seinerzeit ein weiterer wichtiger Höhepunkt in der Entwicklung des Jazz im Dortmund der Nachkriegszeit, die 1949 mit dem Hot Club in der östlichen Innenstadt begann. Und Jimmy Horschler war mit dabei. 1944 flüchtete er als Siebenjähriger mit seinen Eltern aus Schlesien nach Westdeutschland. In Unna ließ sich die Familie nieder, der Vater heuerte im Bergbau an, spielte Posaune im Bergwerksorchester. In einem ausführlichen Interview mit den Ruhr-Nachrichten im Oktober 2016 erzählt Jimmy seine Geschichte, seinen eigenen Weg zur Posaune und zum Jazz, über die „wilden 1950er und 60er Jahre“, als Dortmund „den Jazz atmete“. Von den Zeiten, in denen er als junger Posaunist mit verschiedenen Bands durch Stadt und Land tingelte.

Das Bild zeigt die Band Doublecheck Stompers. Foto: privat
Mit den Doublecheck Stompers eröffnete Jimmy Horschler (im Bild ganz links) 1969 das domicil. Foto: privat

Ärmel hochkrempeln und anpacken

Jimmy und das domicil – eine tiefe Freundschaft, gar eine Liebe, die in mehr als einem halben Jahrhundert allerdings nicht immer ungetrübt war. Bereits mit Gründung war das domicil (und ist es bis heute) ein Verein, geprägt vom ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder. In den Anfangsjahren hieß das ganz besonders: Ärmel hochkrempeln und anpacken, um den „ziemlich verlotterten Keller“, wie Sigrid Kahardt, in jenen Jahren Kulturredakteurin bei den Ruhr-Nachrichten, die neue Spielstätte beschrieb. Das galt nicht nur fürs Handwerkern, sondern auch für die Organisation und Verwaltung des Vereins, für die Durchführung von Konzerten und die künstlerische Gestaltung. Jimmy, der ursprünglich den Beruf des Grafikers gelernt hatte, „stand seinen Mann“ auch hinter der Bühne. Viele grafische Ideen und Veranstaltungsplakate in dieser Zeit entstammen seiner sprudelnden Kreativität.

Als am zweiten Weihnachtstag 1971 die erste domicil-Weihnachtsmatinee im Dortmunder Opernhaus startete, war Jimmy Horschler – natürlich – wieder mit dabei. Mit dem Auftritt der „Pilspicker Jazzband“, die er zwei Jahre zuvor mitgegründet hatte, begann eine mittlerweile über 50 Jahre währende Tradition. Die Matinee ohne die „Pilspickers“? Undenkbar! Jimmy und die Band begleiteten diesen Dortmunder „Jazz-Leuchtturm“ generationsbedingt in wechselnden Formationen über all die Jahre und trugen damit zu einem nicht geringen Teil zum großen Publikumserfolg des jährlichen Events bei. Als Bandleader der "Pilspickers" hatte Jimmy dabei großen Anteil an der Bewerbung der beliebten Veranstaltung am zweiten Weihnachtstag. Viele Zuschauer kamen vor allem aufgrund seiner Popularität zur Weihnachtsmatinee. Die „Pilspickers“ trugen damit auch über viele Jahre zu den damals notwendigen Einnahmen für den Unterhalt des domicils bei. Neunundvierzig Mal spielte er aktiv auf der Weihnachtsmatinee - so viel wie kein anderer Musiker überhaupt.

Das Bild zeigt Rainer Glen Buschmann und Jimmy Horschler. Foto: privat
Musikalische Weggefährten und Freunde: Rainer "Glen" Buschmann (links) und Jimmy Horschler. Foto: privat

Zwischenzeitlicher Rückzug

In den 1980er- und 1990er-Jahren änderte sich das Programm des domicils. Die Macher folgten dem damaligen Mainstream, profilierten den Club in Richtung Modern Jazz, Fusion und Weltmusik. Die traditionelle Richtung des Jazz, die Jimmy Horschler und die „Pilspickers“ vertreten hatten, kam immer seltener auf die domicil-Bühne. „Jimmy hat das damals sehr betrübt“, erinnert sich seine Tochter, Babette Horschler, kürzlich in einem Gespräch. „Er sah natürlich die neuen Strömungen im Jazz. Aber er hätte es gerne gesehen, wenn das domicil auch dem traditionellen Jazz „Marke Pilspickers“ weiterhin Raum gegeben hätte.“ So habe er sich zurückgezogen - nicht verbittert, aber mit kritischer Distanz zu der Entwicklung im domicil.

So blieb mehr Zeit für Auftritte mit den „Pilspickers“, die mittlerweile eine feste Größe in Dortmund und Umgebung waren. Keine Stadtparty, kein Musik und -Tanz-Bazar, kein Weihnachtsmarkt ohne die Pilspickers. Die legendäre 49-Prozent-Wanderung wäre ohne die Pilspickers nur halb so schön gewesen. „Samstags, Markttag auf dem Dortmunder Hansaplatz. Man traf sich mit Freunden und Bekannten, schwätzte über dies oder das und ab elf Uhr beim kleinen Bierplausch bei fröhlichem altem Jazz“, erinnerte sich kürzlich Gernot Weinzierl, ein Wegbegleiter aus den ersten domicil-Tagen. „Jimmy kam, nahm noch einmal liebevoll seine Posaune in die Hand, trank noch ein Bier und dann ging die Post ab. Zwei Stunden bester Dixieland im Stadetreff. Da blieb kein Fuß ruhig, alles swingte! Mit herrlichen kleinen Kommentaren von Jimmy zwischen den Stücken. Er lebte seine Musik und das übertrug sich direkt auf seine Zuhörer. Ein Highlight am Samstag ,mitten inne Stadt‘.“ Schnell wurde die Band auch überregional bekannt und auf viele Jazzfestivals in Großbritannien, Frankreich, Belgien, in den Niederlanden und in Israel eingeladen.

Begeistert vom Nachwuchs

Der Umzug des domicils 2005 in die Dortmunder City trug dann wesentlich dazu bei, dass sich Jimmy und das domicil wieder annäherten. Am neuen Standort boten sich neue Möglichkeiten zur musikalischen Entfaltung, was vor allem der Nachwuchsförderung zugute kam. „Mein Vater begeisterte sich besonders für die jungen Jazz-Musikerinnen und Musiker“, sagt Babette Horschler, eine Zeitlang an der Seite ihre Vaters Sängerin bei den „Pilspickers“. „Er hat fast zärtlich darauf geschaut, was die Jugend macht.“

2022 verlieh ihm der domicil e.V. aufgrund seiner besonderen Verdienste um den Verein die Ehrenmitgliedschaft. „Aber sicherlich auch für seinen besonderen Einsatz für den Jazz in Dortmund, der in vielen Bereichen über das rein Musikalische hinaus ging und den Jazz in der Politik und Wirtschaft - auch durch seinen persönlichen, immer charmanten Einsatz - oft erst hoffähig machte und in wechselnden Zeiten bis weit in die 2000er-Jahre auch hoffähig hielt“, blickt Uwe Plath, 1. Vorsitzender des domicils, zurück. „Jimmy war immer da, wenn man ihn brauchte. Zuletzt insbesondere auch als wichtiger Interview-Partner bei der digitalen Weihnachtsmatinee 2020 und bei der Wiederholung des Eröffnungsdoppelkonzertes von 1969 als Klangcollage beim offiziellen Festakt zur Jubiläumsfeier 50 Jahre domicil 2019.“

Das Bild zeigt Jimmy Horschler mit seiner Tochter Babette auf der Bühne des Dortmunder Jazzclubs domicil. Foto: Kurt Rade
Geimsam auf der Bühne: Jimmy Horschler mit seiner Tochter Babette 2019 beim Jubiläumskonzert 50 Jahre domicl. Foto: Kurt Rade

Stolz auf sein beeindruckendes Lebenswerk

Eine seltene, tückische neurologische Erkrankung, bei der die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln zunehmend gestört wird und es in Folge zur Muskelschwäche kommt, setzte ihm mehr und mehr zu. „Seine Krankheit hatte ihm das Spielen seiner Posaune genommen“, erinnert sich Gernot Weinzierl an ein letztes Gespräch. „Seine Lippen fanden keinen Tonansatz mehr.“

„It Dont’t Mean A Thing If It Ain’t Got That Swing“ – dieses Zitat von Duke Ellington zauberte immer wieder ein ganz besonderes Funkeln in Jimmys Augen. „Wir domiciler sind unendlich stolz auf Jimmy, seine Musik und sein beeindruckendes Lebenswerk“, sagt Uwe Plath. „Aber was uns besonders berührt, ist die tiefe Verbundenheit, die wir durch unzählige gemeinsame Momente bei einem echten Dortmunder Pils mit ihm teilen durften. Seine besonders herzliche Menschlichkeit macht diese Momente für immer unvergesslich.“

Text: Michael Kalthoff-Mahnke

 

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