Der geschenkte Kontrabass

INNENANSICHTEN

Alte Zeiten in Hamburg: Martin Wierich (2. von rechts) mit seinem Kontrabass und seinen Musiker Kollegen (von links) Friedmann Wulfes, Peter Räuker, Jan Carstensen, Hauke Strebel und Christian Schittek von Happy Feet. Foto: privat
Alte Zeiten in Hamburg: Martin Wierich (2. von rechts) mit seinem Kontrabass und seinen Musiker Kollegen (von links) Friedmann Wulfes, Peter Räuker, Jan Carstensen, Hauke Strebel und Christian Schittek von Happy Feet. Foto: privat

Manchmal passt eben alles zusammen. So auch in dieser Geschichte: Das domicil suchte schon seit Längerem einen Kontrabass als „Leihinstrument“ für Musiker*innen, die ohne eigenes Instrument zu Konzerten anreisen, oder für den Einsatz bei der montäglichen Session im Club. Nana Lotfi-Wierich, seit drei Jahren im domicil-Verein aktiv, hatte einen Kontrabass gut verpackt auf dem Dachboden stehen, der nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahr 2012 nicht mehr gespielt worden war. Als sie von der Dauersuche hörte, überlegte sie nicht lange und spendete dem domicil das opulente Streichinstrument.

Nach der ersten großen Freude über die Schenkung stellten sich dem domicil-Vorsitzenden Uwe Plath und seinem Vorstandsteam vorab allerdings einige grundlegende Fragen:  Nach mehr als zehn Jahren Ruhepause auf dem Dachboden war der Bass nicht mehr spielfähig. Ein komplettes Lifting vom Korpus über das Griffbrett bis zum Wirbelkasten war nach erster Einschätzung unumgänglich. „Leider gibt es nicht mehr viele Geigenbauer, die so einen Jazz-Bass wieder hinkriegen“, weiß Uwe Plath. Wer also würde für so eine Generalüberholung in Frage kommen? Denn die Reparatur eines Jazz-Kontrabasses erfordert Spezialkenntnisse, die sich mit typischen Schäden, etwa Rissen, offenen Leimfugen oder Griffbrettschnarren, auskennen. Und vor allem: Lohnt sich die vierstellige Investition in das Instrument überhaupt? Was kommt am Ende dabei raus?

Um es vorwegzunehmen: Die Reparatur beim niederländischen Jazzbass-Spezialisten Lucas Suringar, den der domicil-Vorstand schließlich mit der Reparatur beauftragte, hat sich mehr als gelohnt. Nachdem unter anderem der Steg gerichtet, alle Holzschäden beseitigt, neue Saiten aufgezogen und neue Tonabnehmer eingebaut worden waren, ist der Jazz-Kontrabass nicht nur technisch wieder auf der Höhe der Zeit: Er klingt tief, voll und erdig. Und weil zugleich die Dortmunder Glen Buschmann Jazzakademie bei dem niederländischen Geigenbauer einen neuen Jazzbass gekauft hat, konnten sich Verein und Akademie die Transportkosten zwischen Dortmund und Almere in der holländischen Provinz Flevoland teilen. „Win-win“, freut sich Uwe Plath über den Deal.

Finn Gerold zupft den Kontrabass gern bei der Monday Night Session. Foto: Michael Kalthoff-Mahnke
Finn Gerold zupft den Kontrabass gern bei der Monday Night Session. Foto: Michael Kalthoff-Mahnke

Ein Instrument mit Geschichte

„Ein tolles Instrument. Man spürt beim Spielen seine Geschichte“, charakterisierte Finn Gerold kürzlich den geschenkten Kontrabass. Der 22-Jährige studiert an der Dortmunder TU Musik auf Lehramt und spielt ihn häufig bei der Montags-Session. „Einfach geil!“, sagt er kurz und bündig und damit scheint alles gesagt. Fast alles.

Denn in der Tat hat das Instrument seine eigene Geschichte. Gebaut wurde der Kontrabass nach Angaben von Lucas Suringar vermutlich um das Jahr 1970 im fränkischen Geigenbaustädtchen Bubenreuth. Wie es von dort in den Besitz von Martin Wierich kam, ist nicht überliefert. Es ist anzunehmen, dass der Jazz-Bassist, Trompeter und Pianist ihn Anfang der 1990er-Jahre gebraucht gekauft hat und regelmäßig vor allem auf norddeutschen Bühnen und Straßen damit aufgetreten ist. „Wir haben gemeinsam sehr viel Straßenmusik gemacht“, erinnert sich der Hamburger Klarinettist und Saxofonist Jan Carstensen, ein guter Freund und musikalischer Begleiter von Martin Wierich in jenen Tagen. Unter anderem spielten die beiden in der Band Happy Feet zusammen, die 1989 in Hamburg von Christian Schittek gegründet worden war und mit der Martin Wierich mehrere CDs eingespielt hat. Das Repertoire der Band umfasste Jazz-Standards der 1920er-Jahre bis in deren aktuelle Zeit. „Mit seinen melodiösen Soli, manchmal gestrichen und gesummt à la Slam Stewart und seinem enormen Drive sorgt er für einen beständigen Rhythmus“, wurde Wierichs Stil seinerzeit beschrieben. Ein Foto zeigt ihn zusammen mit seinen Band-Kollegen und ihren Instrumenten. Mit im Bild: der Kontrabass, der nach mehr als zehnjähriger Spielpause heute wieder zu gegebenen Anlässen die Besucher*innen im domicil begeistert.

Der Jazz war Martin Wierichs „professionelles Hobby und Leidenschaft zugleich. Ein Musikstudium in Köln brach er nach nur einem Semester ab. Die Hochschule, die Mitstudierenden, all das schien ihm zu verkopft. Er ging nach Hamburg, wechselte in die Informatik, auch weil er darin langfristig eine auskömmlichere Zukunft sah. Anfang des neuen Jahrtausends zog es ihn ins Ruhrgebiet. Beim Dortmunder Software-Unternehmen Elmos heuerte er als Diplom-Informatiker an. 2004 lernte er dort Nana Lotfi kennen, die als Ingenieurin ebenfalls dort arbeitete. Sie heirateten, bekamen zusammen einen Sohn.

Wann immer möglich, griff er in die Saiten seines wuchtigen Instruments. Als der erste Sohn seiner Frau eine Band gründete, sprang Martin Wierich als Bassist kurzerhand ein - und gewann mit den Jungspunden seinerzeit sogar einen lokalen Musikwettbewerb. Auch im domicil betrat er ab und an bei Sessions die Bühne.

2012 verstarb Martin Wierich - viel zu jung - mit 42 Jahren. Dass der Jazzbass nun nach so langer Zeit wieder ins domicil zurückgekehrt ist und dort insbesondere auch dem Jazz-Nachwuchs zur Verfügung steht, freut Nana Lotfi-Wierich ganz besonders. „Die Spende ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagt sie.

Text: Michael Kalthoff-Mahnke

Kommentare

Eva Maiss |

Sehr schöner Beitrag, tolle Recherche

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