Von verspäteten Zügen und dadaistischem Leben

INNENANSICHTEN

Ich wollte mich vom Zielort und Plan des Ausflugs überraschen lassen und versprach mir insgeheim davon viele unerwartete Begegnungen und Begebenheiten, die mich inspirieren und begeistern würden. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die mir von sich erzählen, vom domicil, von der Jazzmusik oder auch über neue Orte mit und ohne Kultur. Wenn wir dann noch gemeinsam Neues entdecken und ausprobieren, ist das eine Freude, die mir (und vielleicht auch anderen) lange in Erinnerung bleibt und verbindet. Die Ausarbeitung des Plans hatte Mike übernommen, und ich muss rückblickend sagen: Es fühlte sich wie Urlaub an, an dem alles andere in den Hintergrund trat und der Kopf frei wurde. Aber nun von Beginn an:

Ich überfliege nur kurz den Ablauf, damit ich wenigstens den Startpunkt weiß: Dortmunder Hauptbahnhof, Treffpunkt DB-Info, 8 Uhr.

Zweimal ein Vierer- und Zweiersitz belegt mit Vorfreude auf das Auspacken des Butterbrots, das aus dem Fenster schauen, die angeregte Unterhaltung über die Pünktlichkeit des Zuges und die danach langsame eintretende Müdigkeit nach einem so frühen Aufstehen am Morgen – alles zusammen versetzt mich schon in die am Anfang erwähnte Urlaubsstimmung.

In Witten steigen noch zwei weitere „domiciler“ zu. Somit kommen wir vollzählig in Köln/Deutz an. Dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Monika fragt mich, ob ich Lust hätte, einen Bericht über unseren Ausflug zu schreiben. Für den Blog auf der domicil-Website. Und ich habe Lust!

Abfahrt Köln/Deutz Regionalbahn RB 26, 9:50 Uhr. Alle staunen, wie großartig Monika die Fahrt mit der Bahn geplant hat. Die Züge kommen und fahren pünktlich ab. Bemerkenswert! Kurz vor dem Applaus allerdings dann folgende Durchsage des Lokführers:   

„Eine Tür ist nun endgültig beschädigt, die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit.“

Acht Minuten später

„Die Fahrt kann nun fortgesetzt werden. Vielen Dank an die Türblockierer! Das scheint ein Volkssport zu sein.“

Während es an jeder der nachfolgenden Haltestellen zu weiteren verbalen Eingaben des Lokführers in verschieden Ausführungen und Tonlagen rund um die Danksagung der Türblockierer kommt, habe ich genug Gelegenheit, alle Ausflugsteilnehmer namentlich zu erfassen und auch die Vereinszugehörigkeit (rein aus persönlichem Interesse) zu notieren.

Die Reisegruppe von links: Georg, Kalle, Martin, Bärbel, Nana, Stephan, Elke, Mike, Katharina, Michael, Monika, Klaus, Eva, Dieter. Allesamt Mitglieder, die von 1986 bis zuletzt 2023 eingetreten sind.

Noch etwas länger als Monika (Mitglied seit 1988) ist Mike: Seit 1986 ist er Mitglied im domicil. Er erzählt mir, welche prominenten Gäste aus der Jazz-Welt (wie zum Beispiel Chet Baker) sich im Keller des alten domicils in der Dortmunder Nordstadt eine Toilette teilen mussten, und wie man Frauen, die in Ohnmacht fielen, wiederbelebte. Wie eng man zusammen stand, sich den Rauch gegenseitig ins Gesicht blies und sich freute, wenn man bis zur Bar kam, um ein weiteres Getränk zu ordern. Wieviel Anstrengung es kostete, Idee, Planung und Umsetzung zu gestalten, indem eine neue Spielstätte gesucht und gefunden wurde, um unter anderen die Toilettenangelegenheiten etwas komfortabler zu gestalten.    

Wie aufregend und spannend! Die Fahrt vergeht so wie im Flug.

10:30 Uhr Ankunft Bahnhof Rolandseck. Ein prachtvolles Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1858, welches das Arp Museum beheimatet, glänzt in der Sonne in seiner Schönheit.  

Die Museumserkundung startet mit einer kompletten Wand und dem Satz: „Dürfen wir das ausmalen?“ Ein humorvoller Einstieg in eine Welt, in der vieles auf den Kopf und in Frage gestellt wird. Maren Kroymanns Stimme erzählt in einem kurzen Dokumentarfilm der Bildhauerin und Grafikerin Kiki Smith. Ist das so spannend oder war es so warm? Egal. Wir nehmen gern Platz.

Allmählich verteilt sich die Gruppe, und beim Rundgang durch die Ausstellung treffen wir uns hier und da immer mal wieder: etwa im Treppenhaus mit dem gläsernen Fahrstuhl und den 340 Treppenstufen, die in eine interessante und nachdenkliche Klang- und Architekturwelt eingebunden sind. Schließlich sind wir froh, oben angekommen zu sein. Wir werden belohnt mit einem wundervollen Ausblick auf die Umgebung, den auch Salvadore Dali einst bestaunte und Kunst daraus gemacht hat.

Plötzlich ruft uns Monika zu: „Kommt schnell mit! Das müsst Ihr sehen.“  Einige von uns sind zu Dadaisten geworden und frönen dem dadaistischen Leben. Das ist sehr ansteckend und spaßig. All diese Eindrücke machen hungrig auf Kaffee und Anderes, so dass wir schnurstracks auf das wundervolle Museums-Café zusteuern. Ganz neue Betrachtungsmöglichkeiten, in jedweder Hinsicht, ergeben sich durch Nanas Brille.

Mit dem Schiff geht es dann zurück von Remagen nach Bonn. Um gemeinsam auf den Katamaran zu gelangen, der uns nach Bonn bringen soll, müssen wir vorbei an schimpfenden Radfahrern, die den gemeinsamen Rad- und Wanderweg wohl gänzlich für sich beanspruchten. Schlagfertig, wie wir sind, kommen unsererseits ein paar (An-) Sprüche zurück, was dann am Ende wieder Gleichstand bedeutet. Warten auf einer Bank, auf der alle mal Platz finden. Es wird viel geplaudert: über Hopfen, Motorräder, Musik, schimpfende Radfahrer und anderes. Der Katamaran kommt, und er stoppt nur für uns. Wir fühlen uns geehrt. Sind wir denn wirklich so eine besonders tolle Truppe? Vielleicht. Der Kellner lässt daran keinen Zweifel: Er kommt öfter zu uns als zu den anderen Gästen.

Die Urlaubsstimmung hält weiter an. Mit Sonne, Wasser, einer netten Gruppe, Kaffee, Kuchen und Bier unterhalten wir uns angeregt, und in Vorfreude auf das noch bevorstehende Abendessen „beim Griechen“ in Dortmund.

Angekommen in Bonn um 16 Uhr, halten es einige ohne Butterbrezel bis nach Dortmund nicht mehr aus. Der Bahnhof ist voll, die Hitze groß, der erste Zug fiel aus. Die Gruppe ist erschöpft, die Toiletten finden sich nur unter sehr schwierigen Bedingungen. Der zweite Zug ist ebenfalls voll, und einige müssen sogar stehen. Was sind wir froh, im Anschlusszug einen Sitzplatz zu ergattern, wo vierbeinige Freundesucher schon warten, was die Hundefreundinnen Eva und mich selbst ziemlich freut.

In der griechischen „Taverne Epsilon“ in Dortmund lassen wir den schönen Tag schließlich ausklingen. Fast müssen wir da noch spülen, da es dort keine ec-Kartenbezahlung gibt.

Mein Fazit: genug Bargeld mitnehmen (es gab auf der Tour eher weniger die Gelegenheit, „mit Karte“ zu bezahlen), offen sein für Neues und Freude mitbringen für gemeinsames Erleben. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Ausflug.  

Text: Katharina Hase
Fotos: Katharina, Dieter und Mike

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